Mit freundlicher Genehmigung vom Autor Gerhard Rahn!
Künstliche Aufzucht - eine Möglichkeit, Diskus von der „Geißel der Flagellaten“ zu befreien
Seit 1980 beschäftige ich mich mit der Haltung und Zucht der Diskus. Von Anfang an interessierten mich die typischen Erkrankungen und effektiven Behandlungen dieser Fische. Kiemen- und Darmwürmer sowie Flagellaten ( Geißeltierchen ) sind die drei großen Hauptprobleme. Nach anfänglichen Problemen hatte ich die Kiemen- und Darmwürmer meiner Tiere vollständig ausgerottet. Dies gelang mit den Flagellaten nicht.
Befallene Tiere sind zunächst unauffällig, später werden sie dunkel, fressen immer weniger, spucken häufig das Futter aus und stellen schließlich die Nahrungsaufnahme vollständig ein. Schon vorher wird der Kot immer fädiger, bleibt lange am After hängen und bekommt ein weißliches, schleimiges Aussehen. Zum Schluß bestehen die Ausscheidungen nur noch aus Schleimabsonderungen des Darmes. Wenn nicht spätestens zu diesem Zeitpunkt eine Behandlung erfolgt, sind die Tiere nicht mehr zu retten und gehen in den folgenden Wochen ein. Man sollte daher sofort bei den ersten Krankheitsanzeichen eine frische Kotprobe auf Flagellatenbefall hin untersuchen und gegebenenfalls sofort behandeln. Zu diesem Zeitpunkt sind die Heilungschancen am größten.
Flagellaten schädigen die Diskus auf unterschiedliche Weise. Sie leben vorzugsweise im Darm des Fisches. Dort treten sie oft in großen Mengen auf. Sie entziehen dem Nahrungsbrei wichtige Mineralien und Vitamine; dadurch kommt es auf die Dauer zu Mangelerscheinungen bei den Tieren, die sich durch nachlassende Vitalität, Anfälligkeit gegen Krankheiten, Probleme bei der Zucht, bis hin zu Loch- und Kraterbildung in der Kopfregion bemerkbar machen. Sezierte Tiere zeigen häufig entzündete Bereiche im Darm, die entweder durch die Flagellaten selbst oder durch Bakterien hervorgerufen werden, denen die Flagellaten als Wegbereiter dienen. Außerdem ist nachgewiesen, daß Trichomonaden Nitrosamine produzieren, welche eine stark kanzerogene ( krebserregende ) Wirkung haben ( Pschyrembel, S.1180 ). Erfolgte eine rechtzeitige Behandlung, so erholten sich die Tiere in 1-2 Wochen. Der Behandlungserfolg hielt in der Regel aber nur einige Monate an. Dann hatte sich die alte Befallsdichte wieder eingestellt, und die Fische mußten erneut behandelt werden. Die Behandlungen erfolgten nach den damals üblichen Behandlungsvorschlägen. Dazu wurde 4-6 mg Metronidazol / Liter Wasser als Dauerbad für 3 Tage eingesetzt. Eine Temperaturerhöhung um etwa 3° C während der Behandlung beschleunigte die Heilung und verbesserte den Behandlungserfolg, ebenso wie zwei aufeinanderfolgende Behandlungen mit 3-5 Tagen Pause dazwischen. Gab man nach erfolgter Behandlung zusätzlich Calciumphosphat und Vitamin D zum Futter, verschwanden die Löcher und Krater in der Kopfregion schneller. ( Untergasser, S. 55 )
Nach meinen Erfahrungen traten gegen Ende der 80iger Jahre massive Resistenzbildungen gegen Metronidazol und andere Imidazole auf; außerdem verschlechterte sich die Situation durch das Auftreten von Flagellaten, die eine größere Pathogenität aufwiesen, als die bis zu diesem Zeitpunkt sehr verbreiteten Arten, wie z.B. Spironucleus und Protoopalina. Zu diesen stärker schädigenden Arten gehören z.B. Bodomonas, Cryptobia und Trichomonas. Beide Faktoren machten es erforderlich, mit immer größeren Medikamentenmengen in immer kürzer werdenden Intervallen zu behandeln. Dies konnte natürlich nicht das Ziel einer sinnvollen Behandlung sein. Der Nachteil bestand hauptsächlich darin, daß die Tiere außer von den Flagellaten auch durch die Medikamente geschädigt wurden. Die Tatsache, daß kaum ein Züchter noch Zuchttiere besitzt, die älter als 4-5 Jahre sind, führe ich zu einem Teil auf die Schädigungen durch die Flagellaten zurück, zum anderen auf die häufigen Behandlungen mit vielen Medikamenten, wie z.B. Metronidazol. Seit Anfang 1991 beschäftigte ich mich intensiver mit dem Problem der Flagellaten. Alle Versuche, diese Erreger bei meinen Tieren vollständig auszurotten, schlugen fehl. Die Flagellaten überlebten intensive Behandlungen mit 50 mg Metronidazol / Liter Wasser und mehr. Auch Behandlungen über das Futter und Infusionen mit großer Medikamentenmenge direkt in den Magen brachten keinen 100%igen Erfolg.
Zu dieser Zeit veröffentlichte R. Feiller im Diskus Brief einen Artikel über die künstliche Aufzucht ( Feiller, S. 104-109 ). Meiner Meinung nach war die künstliche Aufzucht eine Methode, um beim Diskus den Entwicklungszyklus einiger Erreger, z.B. auch der Flagellaten, ohne den Einsatz von Medikamenten wirkungsvoll zu unterbrechen. R. Feiller teilte meine Meinung nicht. Im Juni 1992 unternahm ich meinen ersten Versuch mit der künstlichen Aufzucht, um erste Erfahrungen damit zu sammeln. Ich entnahm von einer Diskusbrut, die gerade freischwamm, 50 Tiere und zog sie ohne Eltern auf. Vom Arbeitsaufwand einmal abgesehen, verlief dieser Versuch überraschenderweise gut. 48 Tiere überlebten, sie wuchsen relativ gleichmäßig und schnell und zeigten eine sehr große Vitalität. Da sie aber bis zum Freischwimmen bei den Eltern waren, besaßen sie natürlich noch Flagellaten, nur war die Dichte anfangs wesentlich geringer als bei anderen Bruten. Im Alter von 5-6 Wochen war ein Unterschied in der Befallsdichte nicht mehr festzustellen, obwohl die Tiere zu diesem Zeitpunkt noch vitaler als andere erschienen.
Diese ersten positiven Ergebnisse veranlaßten mich, die nächsten Versuche mit dem Ziel zu machen, die Jungtiere durch die künstliche Aufzucht von den Flagellaten zu befreien. Zu diesem Zweck füllte ich nach dem Ablaichen 3 Eimer mit frischem, temperiertem und belüftetem Zuchtwasser, dem in einer Konzentration von 5 ml / 100 Liter Wasser 35-37%iges Formalin zugegeben worden war. Der Kegel verblieb dann 20 Minuten in Eimer Nr.1, danach nahm ich ihn heraus und ließ ihn abtropfen. Anschließend tauchte ich ihn kurz in Eimer Nr.2 und ließ ihn wiederum abtropfen. Das gleiche wiederholte ich im dritten Eimer. Danach kam der Laichkegel in einen Zeitigungsbehälter, in dem sich nur temperiertes Zuchtwasser sowie ein Ausströmer befand. Nach dem Freischwimmen wurden die Jungtiere abgesaugt und nach verschiedenen Methoden künstlich aufgezogen. Im Gegensatz zum ersten Versuch mit der künstlichen Aufzucht waren die Ergebnisse bei den folgenden Bruten sehr bescheiden. Es überlebten nur wenige Jungtiere, viele davon besaßen Deformationen. Alle waren über Kontrollzeiten von mehreren Monaten absolut frei von Flagellaten. War das Wachstum in den ersten Wochen deutlich schlechter als bei natürlicher Aufzucht, so holten die Tiere den Rückstand nach einigen Wochen deutlich auf. Besonders auffallend war aber die enorme Vitalität und Robustheit dieser Fische. Sie fraßen ständig und gierig und hatten zu keiner Zeit Probleme mit schleimigem Kot. Auf den Ausfall eines Heizers reagierten sie mit etwas geringerem Appetit, obwohl die Wassertemperatur nur noch etwa 20°C betrug. Nach Eintritt der Geschlechtsreife sollten die Tiere in die Zuchtanlage umgesetzt werden. Aus dieser waren zuvor alle Fische entfernt worden. Danach wurden 40 ml 35%iges Formalin/ 100 Liter Wasser gegeben. Nach 24 Stunden erfolgte ein Wasserwechsel. Eine Woche später wurden die Zuchtpaare eingesetzt, wo sie sofort und ohne Probleme züchteten.
Es stellte sich aber kurze Zeit später heraus, daß sie sich auf zunächst unerklärliche Weise mit Flagellaten infiziert hatten. Nachdem bei Dr. med. N. Menauer aus Soest die gleichen Probleme aufgetreten waren, untersuchten wir das Problem der Reinfektion systematisch. Dabei stellte sich heraus, daß hochporöse Filtermedien aus Sinterglas die Überträger waren. In diesem konnten die Flagellaten offensichtlich längere Zeit leben. Da Formalin gegen frei im Wasser schwimmende Flagellaten in der verwendeten Konzentration sicher abtötend wirkt, muß angenommen werden, daß es entweder nicht bis ins Innerste des Sinterglases eindringt oder schon vorher durch Bakterien oder deren Absonderungen denaturiert wird. Zur Zeit wird die Sicherheit von Wärmebehandlungen mit Temperaturen zwischen 42°C und 48°C untersucht. Sie sind erfolgversprechend und scheinen Flagellaten im Filtermaterial sicher abzutöten.
In zwei weiteren Fällen waren Wasserpflanzen die Überträger von Flagellaten, obwohl sie vor dem Einsetzen desinfiziert worden waren. Beide Becken und das gesamte verwendete Zubehör, wie z.B. Kies und Filtermaterial, waren neu und eine Infektion hierdurch ausgeschlossen. Lediglich die Wasserpflanzen stammten aus Aquarien, in denen Diskus mit Flagellaten schwammen. Erst 2 bzw. 4 Wochen danach wurden flagellatenfreie Diskus in die betreffenden Becken eingesetzt. Bereits zwei Wochen später konnten bei ihnen Flagellaten in zunächst sehr geringer Menge nachgewiesen werden. Zur Lösung des Problems stellte die Firma Kaliebe & Mensch aus Berlin dankenswerterweise Wasserpflanzen zur Verfügung, die in Meristemkulturen aufgezogen worden waren, nachdem ein bekanntes großes Unternehmen aus Dänemark seine mündliche Zusage nicht eingehalten hatte. Eine Infektion über Wasserpflanzen, die in Meristemkulturen aufgezogen worden sind, kann nicht erfolgen, da ein Kontakt mit pathogenen Flagellaten ausgeschlossen ist. Trotzdem wird in den nächsten Wochen zur Sicherheit noch eine Überprüfung durchgeführt.
Mein Ziel ist es, in absehbarer Zeit nur noch flagellatenfreie Tiere in meiner Zuchtanlage zu haben, mit denen dann auf natürliche Art gezüchtet wird. Alle bis zum jetzigen Zeitpunkt erzielten Ergebnisse mit der flagellatenfreien Aufzucht der Diskus sind überaus positiv und rechtfertigen auf jeden Fall den damit zur Zeit noch verbundenen hohen Aufwand. Egal, ob das Ziel über die künstliche Aufzucht oder nach der von Dr. med. N. Menauer in diesem Heft beschriebenen Methode erreicht wird, ist es in der Zwischenzeit erforderlich, daß der Erfolg der Maßnahme überprüft wird. Nach den bisherigen Erkenntnissen ist dies der Fall, wenn die mikroskopische Untersuchung eines Darmpräparates bei 2-3 Tieren im Alter von 8-12 Wochen keinerlei Flagellatenbefall mehr aufweist. Zu diesem Zweck sollten einige fehlerhafte Jungtiere mit aufgezogen werden, die dann für diese Kontrolluntersuchungen seziert werden können. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten die Jungfische nach Möglichkeit im gleichen Becken verbleiben.
Solange man noch Tiere mit Flagellatenbefall besitzt, setzt die Vermeidung einer Infektion ein absolut gewissenhaftes, ja fast pedantisches Vorgehen voraus. Nicht nur das Hinzusetzen von Fischen mit Flagellatenbefall führt zu einer Infektion. Jede andere mögliche Übertragungsart muß absolut ausgeschlossen werden. Filtermaterial, Einrichtungsgegenstände, Laichkegel, Fangnetze, Meßgeräte ( pH-Elektrode ) oder Wasserspritzer aus benachbarten Becken mit infizierten Tieren kommen in Frage, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Ganz besonders muß beim Umsetzen der Tiere in andere Aquarien darauf geachtet werden, daß sie hierbei nicht infiziert werden. Trockenheit, Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes und eine Reihe von Desinfektionsmitteln töten Flagellaten ab. Problematisch ist vor allem der Filter. Erhitzt man vorher das gesamte Wasser samt Filterinhalt für etwa 5-10 Stunden, scheint eine Infektion ausgeschlossen zu sein. Der Vorteil dieser Maßnahme besteht darin, daß die Bakterienkultur des Filters weitgehend erhalten bleibt, so daß keine Einfahrprobleme hiermit entstehen. Die größte Sicherheit besteht jedoch darin, wenn man die flagellatenfreien Fische in ein völlig neu eingerichtetes Becken setzt, bei dem auch das Filtermaterial neu ist. Den Problemen mit dem Einfahren des Filters muß dann natürlich mit geeigneten Maßnahmen wie sparsamer Fütterung und häufigem Wasserwechsel begegnet werden.
Der Aufwand, eine Zuchtanlage mit flagellatenfreien Diskus zu besitzen, ist zunächst sehr hoch. Wegen der in diesem Artikel beschriebenen, immer größer werdenden Probleme mit diesen Krankheitserregern wird letztendlich kein ernstzunehmender und kein gewissenhafter Züchter daran vorbeikommen, sich mit Methoden auseinanderzusetzen, die geeignet sind, dieses Ziel zu erreichen. Eine Zusammenarbeit mehrerer Züchter wäre eine Möglichkeit, den Arbeitsaufwand für den einzelnen zu reduzieren. Dies erfordert bei vielen Züchtern sicherlich ein Umdenken. Sind alle Tiere einer Anlage erst einmal von diesen Parasiten befreit, ist der Aufwand für den Betrieb einer Zuchtanlage um so geringer. Natürlich profitiert hiervon nicht nur der Züchter, sondern auch der Aquarianer, der solche Fische letztendlich erwirbt. In erster Linie aber ist es dem Diskus zu wünschen , daß er endlich von dieser schlimmen „Geißel“ befreit wird.
Gerhard Rahn, Mitglied im Arbeitskreis Fischkrankheiten des VDA
Literatur:
Amlacher, Erwin: Taschenbuch der Fischkrankheiten, Gustav Fischer 1981
Feiller, Richard: Künstliche Aufzucht von Diskusfischen, in: Diskus Brief, Dezember 1990, Heft 4, S.104-109
Pschyrembel Klinisches Wörterbuch, Walter de Gruyter 1990
Roberts, Ronald J./Schlotfeldt Hans-Jürgen: Grundlagen der Fischpathologie, Parey 1985
Reichenbach-Klinke, Heinz-Hermann: Krankheiten und Schädigungen der Fische, Gustav Fischer1980
Schubert, Gottfried: Krankheiten der Fische, Franckh`sche Verlagshandlung 1978
Untergasser, Dieter: Gesunde Diskus und Großcichliden, Band 1, bede 1991
Untergasser, Dieter: Krankheiten der Aquarienfische, Diagnose und Behandlung, Franckh`sche Verlagshandlung 1989


